Mittelbare pädagogische Tätigkeiten - Darstellung einer Armbanduhr - Mittelbare pädagogische Tätigkeiten

Mittelbare pädagogische Tätigkeiten

Mittelbare pädagogische Tätigkeiten - Viele Hände

Zu Beginn dieses Jahres hat die Sächsische Landesregierung in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Dresden eine Befragung in Kindertageseinrichtungen durchgeführt und dabei 36,523 Leiter, Fachkräfte und Eltern im Rahmen des “Zukunftspakt Sachsen” über Qualitätsverbesserungen im Elementarbereich befragt. Einer der Punkte sind mittelbare pädagogische Tätigkeiten.

Konkret ging es um vier Punkte:

  • Mehr Vor- und Nachbereitungszeit
  • Besserer Betreuungsschlüssel
  • Mehr Geld für Zusatzangebote
  • Hilfe für Kitas mit besonderem Bedarf

Wer sich mit den Schlussfolgerungen und Ergebnissen der Befragung auseinandersetzen möchte kann diese auf der offiziellen Homepage des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus jederzeit einsehen.

In diesem Artikel möchte ich mich tiefgehender mit dem ersten Punkt befassen, gängige Tätigkeiten beleuchten, Probleme in der Umsetzung reflektieren und erste Einblicke in mögliche Verbesserungen der Arbeitsabläufe geben.

Was sind mittelbare pädagogische Tätigkeiten? – Beeinflussende Faktoren

Den meisten Eltern und Fachkräften sind diese Tätigkeiten umgangssprachlich als “Vor- und Nachbereitungszeit” bekannt, also jene Tätigkeiten die nicht direkt “am Kind” stattfinden, sondern abseits des Gruppengeschehens.
Um die Tragweite der Bedeutung der mittelbaren pädagogischen Tätigkeiten besser verstehen zu können müssen wir eine kleine Exkursion in das Thema Personalschlüssel (Betreuungsschlüssel) unternehmen, denn in diesen Details liegt das eigentliche Problem.

Wenn Träger und Einrichtungsleiter (Anm.: der Leiter, die Leiterin, die Leiter (plural) Gendern ist schön und gut, sollte aber nicht zur Zersetzung der deutschen Sprache führen und einem exzessiven Gebrauch unterliegen) das Thema Personalplanung bearbeiten finden sich schnell Begriffe, wie “Vollzeitbeschäftigungsäquivalent” und “Vollzeitbetreuungsäquivalent” in den Fachtexten wieder. Von einem “Vollzeitbeschäftigungsäquivalent” sprechen wir – je nach Bundesland – von einer Vollzeitkraft mit 38-40 Wochenarbeitsstunden. Leider ist der Erzieherberuf ein Vertreter der Teilzeitberufe, denn Verträge mit 30+X oder 32+X Wochenstunden sind die Regel, auch wenn in Bedarfszeiten die Arbeitszeit auf bis zu 40 Wochenstunden angehoben werden kann.
Unter einem “Vollzeitbetreuungsäquivalent” verstehen wir Kinder mit einer Betreuungszeit von 8 Betreuungsstunden, also 40 Wochenstunden.

Was heißt das konkret für den Alltag in Kitas? Nur Kinder mit 8 Betreuungsstunden zählen als 1 Kind. Im Umkehrschluss zählen nur Fachkräfte mit 40 Wochenarbeitsstunden als volle Arbeitskraft.
Der Personalschlüssel, der in Sachsen mittlerweile bei 1:12 liegt, berechnet sich aus Vollzeitbetreuungsäquivalent geteilt durch Vollzeitbeschäftigungsäquivalent.

Als zweiter die mittelbare pädagogische Tätigkeit beeinflussender Faktor sind in vielen Fällen die “gruppenübergreifenden Erzieher”, auch “Springer” genannt. Diese fließen in die Personalberechnung mit ein ohne festen Gruppen zugeordnet zu sein. So entstehen in der Praxis Gruppen mit teilweise 18 Kindern auf 1 Fachkraft.

Was sind mittelbare pädagogische Tätigkeiten?

An dieser Stelle seien einige Tätigkeiten stellvertretend genannt. Ich habe bewusst Tätigkeiten verschiedener Arten gewählt um ein Spektrum abzubilden.

  • Planung, Vorbereitung und Reflexion von Angeboten
  • Beschaffung, Bereitstellung und Vorbereitung der Materialien, inkl. Recherche
  • fachlicher Austausch mit den Kolleginnen
  • Teamberatungen (Kleinteams, Großteams)
  • Verfassen von Entwicklungsberichten, Elternbriefen und Aushängen
  • Planung, Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Elterngesprächen
  • Organisation und Durchführung von Elternabenden und Eltern-Kind-Veranstaltungen
  • Betreuung von Praktikanten
  • Gespräche mit externen Stellen (Familienhelfern, Ärzten, Frühförderung)
  • Foto- und Videodokumentation
  • Dokumentation der Arbeitszeit
  • Krankheits- und Urlaubsvertretung

Reichen die ab 1. Januar 2019 fest verankerten 2 Stunden wirklich aus?

Mittelbare pädagogische Tätigkeiten - Teamberatung

Ich aus meiner 9-jährigen Tätigkeit im Kita- und Hortbereich heraus kann die Frage mit einem klaren “Nein” beantworten. Warum?
Diese 2 Stunden, die lediglich Vollzeitkräften zur Verfügung stehen, sind in den meisten Fällen schon durch regelmäßig stattfindende Teamberatungen aufgebraucht, die in ihrer Bedeutung sehr weit oben auf der Tätigkeitsliste zu finden sind. Eine Teilzeitkraft mit 32 Wochenarbeitsstunden hat nur 1,6 Stunden für mittelbare pädagogische Tätigkeiten zur Verfügung und damit, nach dem bald gültigen Rechtsanspruch, keine weitere Zeit für die anderen genannten Tätigkeiten.

Wieviel Vor- und Nachbereitungszeit benötigen Erzieher im Schnitt für ihre Tätigkeiten?
Dieser Frage ist die GEW (Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft) zusammen mit anderen Verbänden nachgegangen und findet eine sehr deutliche Antwort: 23% !
Eine Vollzeitkraft bräuchte, um allen Anforderungen an die heutige Tätigkeit von Erzieher nachkommen zu können, 10 Wochenstunden an Vor- und Nachbereitungszeit.
Ist dieser Wert unrealistisch? Sicherlich nicht, doch lassen sich bestimmte Arbeiten, je nach Konzeption und Alter der Kinder, im Alltag unterbringen und so mit der unmittelbaren Arbeit am Kind verbinden.

Können wir Abläufe selber optimieren?

Warum nicht einfach mit einigen Kindern zusammen ins Materiallager gehen und sie bei der Vorbereitung des Angebotes einbeziehen? Die Kinder lernen so gleich, dass eine Vorbereitung für Aktivitäten nötig ist.

Bildungs- und Entwicklungsdokumentationen, Elternbriefe, und ähnliche Dinge lassen sich während der Mittagszeit erledigend, also direkt im Gruppenzimmer, sofern die Einrichtung über ausreichend Laptops verfügt und die Kinder Mittagsschlaf machen.
(Anm.: Ich bin mir bewusst, dass dies ein Szenario ist das für die meisten Einrichtungen nicht umsetzbar ist, da es mittlerweile viele Konzepte ohne verbindliche Mittagsruhe gibt oder Pausenzeiten abgedeckt werden müssen.)

In einigen mir bekannten Einrichtungen werden wöchentliche Kleinteamberatungen während der Mittagszeit durchgeführt und die Aufsicht wird während dieser Zeit durch Kollegen der anderen Kleinteams abgedeckt.

Es gibt keinen goldenen Weg für die effektive Nutzung der vorhandenen Zeit für mittelbare pädagogische Tätigkeiten, weder aus Sicht der Arbeitnehmer, noch der Arbeitgeber. Das Festschreiben einer verbindlichen Vor- und Nachbereitungszeit ist wichtig und war längst überfällig, auch wenn 2 Wochenstunden nicht ausreichen. Bei gut strukturierter Arbeit sind die geforderten 23% aber ebenso unrealistisch, denn den Personalbedarf und die Personalkosten wären kaum noch trag- und realisierbar.

Alleine der Freistaat Sachsen rechnet durch den 2-stündigen Anspruch mit einem Mehrbedarf von über 1300 pädagogischen Fachkräften. Angesichts des bereits vorherrschenden Fachkräftemangels eine große Herausforderung für alle Träger.
Wir können nur regelmäßig an die Politik appellieren die frühkindliche Bildung mit dem nötigen Ernst zu betrachten und ihr einen höheren Stellenwert in der Finanzpolitik zukommen zu lassen. Es braucht einen besseren Personalschlüssel, mehr Zeit für mittelbare pädagogische Tätigkeiten und mehr Anerkennung seitens Politik und Gesellschaft.

  1. https://www.kita.sachsen.de/kita-umfrage.html
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Personalschlüsselberechnung_in_Deutschland
  3. https://www.gew-berlin.de/4495.php

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