Musikalische Früherziehung - Ein Mädchen spielt auf einer Gitarre

Musikalische Früherziehung – Welchen Einfluss hat sie auf die kognitive Entwicklung von Kindern

Facharbeit von Jan-Eric Dreßler aus dem Jahr 2009 im Rahmen der Ausbildung zum Staatlich anerkannten Erzieher

1. Einleitung

1.1. Vorstellung des Themas

„Welche Wirkung hat der frühe pädagogische Einsatz von Musik auf die kognitive Entwicklung von Kindern?“

Diese Frage hat mich in der Recherche und Bearbeitung der vorliegenden Facharbeit interessiert. Seit Jahren wird der Nutzen von Musik in Kindertageseinrichtungen und Schulen diskutiert. Trotz Studien, die einen positiven Einfluss nachweisen, wird der Musikunterricht gekürzt, fällt an vielen Schulen regelmäßig aus und werden Erzieher nur mangelhaft im musikalischen Bereich geschult.[1]

Ziel dieser Arbeit ist es nicht die Probleme in Politik und Gesellschaft zu diskutieren, sondern mir für meine künftige Tätigkeit als Erzieher im Vorschulbereich eine theoretische und zugleich praktische Grundlage zu schaffen. Musik als zentraler Bestandteil in der Förderung sozialer und kognitiver Kompetenzen.

1.2. Begründung der Themenwahl

Jeder kennt die Wirkung von Musik auf unser Befinden. Sie hilft uns beim Abschalten nach einem anstrengenden Tag, hebt unsere Stimmung auf Feiern und beeinflusst unsere Gefühle in Theater und Filmen. Doch welche Wirkung hat Musik auf die kognitive Entwicklung, also jene Bereiche die für unsere Erinnerung, die Kreativität, die Fähigkeit zu planen und zu verarbeiten, für unsere Aufmerksamkeit und vor allem für das Lernen zuständig sind? [2]

Um es mit den Worten von Hans Günther Bastian auszudrücken: „Dass Kinder, die sich musikalisch betätigen, nachweislich ihre Kreativität schulen, ihre Konzentration trainieren, allgemein ihr Leistungsvermögen fördern u.a.m., (…)“  [3]

Ich spiele seit über 10 Jahren Gitarre und musiziere gerne alleine und mit anderen. Ich bin mir der Wirkung auf mein Wohlbefinden und die Wirkung auf die Stimmung von Kindern bewusst. Mit dieser Arbeit möchte ich mein Wissen sowohl im theoretischen Bereich erweitern, also auch neue Möglichkeiten der Umsetzung kennen lernen. In welchem Alter sind Kinder besonders empfänglich für welche Art von Musik? Welche Lernprozesse kann ich fördern und der Kindern somit den Schuleinstieg erleichtern? Reicht es wirklich zu singen oder ist eine ganzheitliche Förderung aus Gesang, Rhythmus und Bewegung die bessere Wahl?

Anhand dieser Leitfragen ergibt sich der Aufbau meiner Facharbeit. Ich befasse mich zu aller erst mit den theoretischen Grundlagen der Entwicklung von Kindern. Dabei berufe ich mich vor allem auf das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung nach Erikson und einen musikpädagogischen Ansatz nach H. Hammershoj. Ich untersuche die Wirkung von Musik auf die kognitive Entwicklung von Kindern und die Umsetzungsmöglichkeiten in der Praxis.

In diesem Sinne möchte ich es Swami Vivekânanda (1863 – 1902) nachempfinden, der einst sagte: „Eine Theorie, die nicht praktisch im Leben Anwendung finden kann, ist wertlose Gedankenakrobatik.“ (Swami Vivekânanda)

2. Die psychosoziale und kognitive Entwicklung von Kindern

2.1. Das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung nach Erik H. Erikson

Das in den 1970er Jahren von dem Psychoanalytiker Erik H. Erikson entwickelte Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung, auch epigenetisches Diagramm genannt, spielt in der heutigen Entwicklungspsychologie eine entscheidende Rolle. Erikson beschreibt die Entwicklung des Menschen als eine aus acht Phasen bestehende Lebensaufgabe. Jede Stufe beschreibt eine Anforderung an die soziale Entwicklung, deren Erfüllung von großer Bedeutung für die Persönlichkeit ist. Ob eine Stufe erfolgreich bewältigt wurde oder nicht wirkt nicht hemmend auf die darauf folgenden Phasen, kann aber einen positiven Einfluss haben.

Für diese Arbeit spielen die ersten vier Phasen eine wichtige Rolle und bilden einen Bogen von der Geburt bis zum Eintritt der Pubertät. In unserer modernen Gesellschaft liegt dieser Zeitpunkt zwischen dem zehnten und zwölften Lebensjahr. Die erste Phase die ein Mensch in seinem ersten Lebensjahr durchläuft, ist an die Bindungstheorie angelehnt und wird von dem Konflikt zwischen Urvertrauen und Urmisstrauen dominiert. Werden die Grundbedürfnisse nach Nähe, Sicherheit und Ernährung erfüllt, entwickelt das Kind ein positives Bindungsverhalten. Kommt es dauerhaft zu Mangelerscheinungen lernt das Kind, dass es keinen Einfluss auf die Umwelt hat und wird künftig den Kontakt zum Umfeld reduzieren. Das Urvertrauen wird zu einem Urmisstrauen und es können sich Ängste herausbilden, welche die weitere psychosoziale Entwicklung negativ beeinflussen.

Im Alter von ein bis zwei Jahren strebt das Kind nach Autonomie. Hat das Kind ein positives Bindungsverhalten entwickelt und wird in dieser Phase nicht in seiner Explorationslust gehemmt, entwickelt es ein gesundes Selbstbild. Wird das Kind in seinem Verhalten gehemmt oder bekommt häufig die Rückmeldung „Dein Verhalten ist unerwünscht oder du darfst das nicht“ entwickelt das Kind ein ausgeprägtes Scham- und Zweifelgefühl. Fixiert sich dieses negative Selbstbild, kann es zu zwanghaften Charakterzügen kommen, die sich u.a. in einer Überbetonung von Recht und Ordnung, Pünktlichkeit oder Sauberkeit zeigen können. Hat das Kind diese Phase bewältigt, fügt sich im Alter von drei bis sechs Jahren die nächste Stufe an. Aus Autonomie und Scham werden Initiative und Schuldgefühl. In dieser Stufe zeigt sich die Bedeutung der vorangegangenen Entwicklungsphasen. Konnte das Kind ein Maß an Autonomie entwickeln, fällt die Einstellung Initiative zu zeigen leichter. Diese dritte Phase rüttelt an der Beziehung zur Mutter und der Moral des Kindes. Ihm wird bewusst, dass es auch andere Menschen gibt, die eine starke Beziehung zur Mutter haben und das Kind nicht der Mittelpunkt ist. Das Moralverständnis des Kindes wird von seiner Umwelt geprägt. Die Entdeckung der eigenen Möglichkeiten und der Einfluss auf das Umfeld werden dem Kind deutlich, aber auch die Grenzen und Einschränkungen. Das Schuldgefühl entwickelt sich parallel zur Initiative, kann jedoch durch übermäßige Einschränkungen und Schuldzuweisungen Überhand gewinnen. Selbsteinschränkung und Überkompensation können die Folge sein. Das Kind kann sich eingeschüchtert fühlen und sich zurückziehen oder durch übertrieben deutliches Verhalten auffallen. Die vierte Stufe ist durch die Teilhabe an der Welt der Erwachsenen gekennzeichnet. Kinder wollen teilnehmen und einen Einfluss auf ihr Umfeld ausüben. Sie wollen spüren ein Teil des Ganzen zu sein und nicht nur der stille Beobachter. Kompetenz und Minderwertigkeitsgefühl sind die Schlagworte dieser Entwicklungsphase. Beobachten, Teilnehmen und Lernen sind die Triebfedern der kindlichen Entwicklung im Alter von sechs Jahren bis zur Pubertät. Sie lernen Prozesse nachzuvollziehen und anzuwenden.

Wird die Kompetenz des Kindes, die Fähigkeit Prozesse zu beginnen und zu vollenden zu stark beansprucht, kommt es zu negativen Gefühlen. Dabei spielt es anfangs keine Rolle, ob die Überbeanspruchung von außenstehenden oder dem Kind selber kommt. Fordert man es zu wenig, entwickelt das Kind ein Gefühl von Minderwertigkeit. Wichtig ist eine individuelle Förderung, um das richtige Maß zu finden. Beide Seiten können zu Störungen führen. Durch eine hohe Kompetenz kann sich eine Überkompensation entwickeln, die sich durch Arbeit, Leistung und Pflichtversessenheit zeigt. Ein starkes Minderwertigkeitsgefühl kann zu Angst vor Arbeit, Leistung und Versagen führen. [4]

Diese vier Phasen der psychosozialen Entwicklung zeigen die Bedeutung einer individuellen Arbeit an und mit den Kindern. Jeder Mensch hat andere Voraussetzungen, andere Bindungen und Interessen. Wollen wir die Kinder optimal auf ihr späteres Leben vorbereiten, müssen wir ihrer Entwicklung gerecht werden. Ein Gebiet, das es vermag die genannten Phasen von Beginn an positiv zu beeinflussen, ist die Musikalische Früherziehung. Inwieweit sich ein Einfluss zwischen Musik und dem epigenetischen Diagramm ergibt, möchte ich im nächsten Schritt verdeutlichen.

2.2. Die musikalische Entwicklung von Kindern

Der Mensch kommt mit einem Grundmuster an Lauten auf die Welt, mit denen es sich bemerkbar machen kann. Schreien, Weinen und Lallen sind nur eine kleine Zahl möglicher Kommunikationsmittel eines Neugeborenen. Nach Erikson spielt die Beziehung zu der Mutter im ersten Lebensjahr eine wichtige Rolle. Reagiert die Mutter auf die Bedürfnisse des Kindes, kommuniziert sie mit ihm, zeigt sie Verständnis, Mitgefühl. Diese Faktoren bestimmen in ersten Linie die Entwicklung der kindlichen Bindung. Heute werden bereits ab dem dritten Lebensmonat Musikkurse geboten, doch kommt es Kleinkindern nicht auf Takt, Melodie oder Text an, sondern auf die Nähe und die mütterliche Stimme. Mit der Sprache werden Gefühle und Emotionen transportiert, die von den Kindern empfangen und ausgewertet werden. Ist die Resonanz positiv kann sich Vertrauen entwickeln. Schwingt Ablehnung und Angst mit der Stimme entwickelt sich Misstrauen. [5]

Schon für kleine Kinder ist Musik und Rhythmus wichtig. Gesang und Schaukeln bewirken Zufriedenheit. Kinder lächeln, beruhigen sich und schlafen schneller ein. In dieser Entwicklungsphase sind weder Text noch Melodie ausschlaggebend, sondern Nähe und Geborgenheit. Dieser Einfluss lässt sich bereits im Mutterleib nachweisen. Nicht die Art der in der Schwangerschaft gehörten Musik beeinflusst den Fötus, sondern die Gefühle und das Wohlbefinden der Mutter. [6]

Ab einem Alter von etwa anderthalb Jahren werden Kinder zunehmend aktiver. Die Umwelt wird erforscht, Dinge ausprobiert und erste Handlungsstrategien entwickelt. Die Bedeutung von Bewegung wächst zunehmend. Die motorischen Fähigkeiten der Kinder steigen, sie erlernen das Laufen, Springen und beginnen, sich zu Musik zu bewegen. Rhythmus spielt eine immer größere Rolle in allen motorischen Handlungen. Die Atmung gibt den Takt, Bewegung und Sprache folgen. Die Bedeutung von Musik, Gesang und Sprache ist emotionaler Natur. Die Semantik der Sprache ist für Kinder zu Beginn der zweiten Phase nicht ausschlaggebend, sondern die Modulation der Sprachmelodie. Passen der Inhalt und der Ausdruck der Sprache nicht zusammen verwirrt es das Kind, werden ihm doch zweideutige Botschaften übermittelt. Im musikalischen Alltag sollte vorerst kein zu großer Wert auf Inhalt und Melodie gelegt werden. Bewegung und Rhythmus in einen Einklang zu bringen, Instrumente ausprobieren und Handlungen nachahmen ist für die Kinder entscheidend. [7]

Ab der dritten Phase würde ich als Beobachter sagen: Ja, hier fängt die Musik an. Zwei grundlegende Lernformen ermöglichen es dem Menschen sich Wissen anzueignen und der Umwelt anzupassen. Lernen durch Imitation / Reproduktion und Lernen durch Improvisation / experimentelles Lernen. Die zweite Lernform lässt sich sehr offensichtlich an Kindern beobachten, stellt doch das Spielen eine besondere Form dieses Lernens dar. Kinder probieren Dinge aus, funktionieren Objekte kurzerhand um und werden nicht müde, auch scheinbar unmögliche Dinge stets aufs Neue zu versuchen. „Ein solches “Lernen vom Kontext” im Spiel ist damit grundsätzlich vom schulischen Lernen und anderen Lernformen verschieden, weil es auf ganzheitlichen Erfahrungen von Beziehungen beruht, die körperliche, sinnliche, emotionale, motivationale, evaluative, symbolische und kognitive Momente zugleich umfassen.[8]

Bezieht man sich auf diese Aussage ist die Bedeutung des „Spielens“, also des praktischen Lernens, sehr hoch. Im Gegensatz dazu steht das reproduzierende Lernen. Dieses lässt sich am ehesten mit unserer Form der Schule vergleichen. Wir eignen uns Wissen aus Büchern, Texten, Arbeitsblättern an und versuchen es auf andere Gebiete bzw. Aufgaben anzuwenden. Auf die Musik bezogen bedeutet dies, dass wir den Kindern ein ganzheitliches Empfinden ermöglichen müssen. Bewegung, der Einsatz verschiedener Sinne und vor allem Improvisation unterstützen ihren natürlichen Lernprozess. Mit fortschreitender Körperbeherrschung können die Kinder auf spielerische Weise an das gemeinsame (synchrone) Spiel und feste Takte herangeführt werden. Es ist wichtig diesen Übergang zwischen natürlichen und künstlichen Rhythmen (Körpertakt und metrischer Zähltakt) fließend zu vollziehen. Kommt er zu abrupt, wie es leider häufig der Fall ist, kann das Interesse Frustration weichen. Mit dem Einsetzen der vierten Phase wächst das Interesse zur Reproduktion von Liedern, Bewegungen und Rhythmen. Stetige Wiederholung ist zu dieser Zeit der optimale Weg des Lernens. Nur durch Wiederholung wächst das Verständnis für Melodie, für Rhythmen und inhaltliche Assoziation. Der falsche Weg ist, eine scheinbare Langeweile zu entdecken und zu viel Vielfalt in den musikalischen Alltag einzubauen. [9]

3. Die Wirkung von Musik auf Kinder

Lohnt sich die tägliche Anstrengung Kinder für Musik, Gesang und Bewegung motivieren zu wollen? In meinen Augen ist diese Kraftaufwendung vergebene Zeit, denn der Mensch ist von Natur aus musikalisch und hat Spaß und Freude beim Musizieren. Erst durch Einfluss von außen, starren Musikunterricht voller Theorie und Bewertung unseres „Könnens“, flaut das natürliche Interesse ab. Warum zeigen so viele Erwachsene Menschen in unserer Gesellschaft eine Abneigung zum Musizieren, wann setzt diese negative Entwicklung ein. Mit diesen Fragen möchte ich mich auf den folgenden Seiten genauer befassen.

3.1. Die Wirkung auf das kindliche Verhalten

In diesem Abschnitt möchte ich auf meine Erfahrung in zwei verschiedenen Arbeitsfelder zurückgreifen. Beobachtungen und Schlussfolgerungen basieren auf insgesamt fünf Monaten Kita-Arbeit und sieben Monaten Hortarbeit.

Meine ersten Erfahrungen in der musikalischen Arbeit mit Kindern konnte ich während meiner Vorpraktika in einer Kindertageseinrichtung in Dresden sammeln. Damals war ich in einer gemischten Gruppe mit Kindern zwischen drei und fünf Jahren eingeteilt. Meine Anleiterin hatte einen starken Bezug zur Musik, es wurde nahezu täglich mit den Kindern gesungen. Ich war sehr angetan, dass sich stets mehrere Kinder um mich sammelten sobald ich die Gitarre zur Hand nahm. Vereinzelte Kinder wollten auf der Gitarre spielen und sich ausprobieren, andere wollten unbedingt bekannte Lieder singen. Was hat sie derart angespornt, sich um mich zu sammeln sobald ich ihnen meine Bereitschaft gezeigt habe? Entgegen vereinzelter Meinungen: Musizieren sei für Kinder eine Anstrengung und setzt Konzentration und Ruhe voraus, vertrete ich die Ansicht, Musik sei besonders förderlich für eben genannte Aspekte.

Es hat mich nie Mühe gekostet, die Kinder zu beruhigen oder zur Aufmerksamkeit zu motivieren. Das bloße Anspielen einer Melodie / eines Liedes genügt, die Kinder in den Bann zu ziehen. Ich habe beobachtet, welche Freude es ihnen bereitet, bekannten und unbekannten Lieder zu lauschen. Weiter konnte ich feststellen, wie sich die Freude vergrößert, sobald die Kinder selbst aktiv werden können. Während die jüngeren Jungen und Mädchen die Musik mit scheinbar zufälligen Klatschrhythmen begleiten, sind die älteren Kinder bemüht, den Rhythmus mitzuklatschen (ca. 4 Jahre) und mitzusingen (ca. 5 Jahre).

Nach H.Hammershoj und Erikson ist dieser Altersabschnitt durch wachsende Autonomie gekennzeichnet und der Drang, Dinge selbständig auszuführen, wächst. [10]  Dieses Autonomiebestreben war für mich an den spontanen Rhythmusbegleitungen der jüngeren Kinder nachvollziehbar. Bei den großen Kindern war die Initiative sogar noch ausgeprägter, und so haben sie sich nicht nur Bewegungen ausgedacht, sondern auch andere Lieder vorgeschlagen. Das Verhalten mag auf die musikalische Vorerfahrung durch die Erzieherin zurückzuführen sein, bestätigt jedoch meine Annahme, eine äußere Motivation brauchen die Kinder nicht, sondern nur eine Anregung um Eigeninitiative zu zeigen.

Als zweites Beispiel soll mein erstes Praktikum in einer Kindertageseinrichtung in Berlin dienen. Auch hier habe ich mit einer gemischten Altersgruppe von dreieinhalb bis fünf Jahren gearbeitet. Die Voraussetzungen waren ähnlich, aber nicht so stark ausgeprägt. Musik war ein Bestandteil des Alltags, wurde aber weit weniger intensiv genutzt als im ersten Fall. Der Schwerpunkt bei der Arbeit lag deutlich bei der Bewegung und Motorik. Für die Verdeutlichung dieser Situation möchte ich ein Beispiel aus einem anderen Bereich anbringen. Einmal die Woche hatten die Kinder eine Sportstunde im Bewegungsraum. Kletterübungen, Gymnastik, Turnen und Spiele standen im Mittelpunkt. Die Situation im Sportunterricht der Schule dürfte jedem geläufig sein. Es gibt Schüler, die haben sehr viel Freude an der Bewegung und es gibt Schüler, die gehemmt sind. Die Kita macht hier leider keine Ausnahme, denn bereits mit wenigen Jahren hat eine nicht unerhebliche Zahl der Kinder eine negative Einstellung zur Bewegung. Im Gegenzug möchte ich als Beispiel ein Theaterstück der Kinder schildern. Inhaltlich ging es um eine Gruppe von Tieren, welche von den Kindern durch Bewegungen dargestellt wurden. Die Geschichte wurde begleitet durch Lieder, Reime und Rhythmen. Zieht man die Parallele zum Unterricht in der Schule denken viele sicherlich: „Auch hier gab es genug Kinder, die nicht motiviert waren“.  Die Bewegungen der Kinder waren nicht weniger anspruchsvoll als die Masse der Übungen aus dem Sportunterricht. Springen, Koordination, Beweglichkeit und Ausdauer. Hier gab es aber kein Kind, das gehemmt gewirkt hat oder traurig war. Worin unterscheiden sich beide Situationen also? Alle Bewegungen wurden im Theaterstück durch Lieder, Rhythmen oder Reime unterlegt, welche von den Kindern vorgetragen wurden. An dieser Stelle möchte ich mich auf Erkenntnisse der Hirnforschung berufen: Musik hemmt nachgewiesener Maßen das Angstzentrum im Gehirn und stimuliert jene Region, die für Belohnungen und Lernen zuständig ist. [11]

Offensichtlich hat das Theaterstück, also die Bewegung und das Musizieren, den Kindern Spaß bereitet. Auch beim gemeinsamen Musizieren konnte ich ähnlich positive Effekte erleben wie schon in meiner ersten Gruppe. Kein Kind musste ich ermahnen oder beruhigen. Musik wurde als Gesang und Bewegung gleichermaßen gern durchgeführt.

Als dritte Vergleichsgruppe möchte ich mein letztes Praktikum im Hort einer ersten Klasse anbringen. Die Schule war eine gebundene Ganztagsgrundschule, d.h. Unterricht und Freizeit wechselten sich von 8Uhr bis 16Uhr ab. Im Gegensatz zu meinen bisher gemachten Erfahrungen im Aufgabenfeld der Erzieher spielte Musik in der Freizeitgestaltung gar keine Rolle. Diese Tatsache entsetzte mich, galt die Klasse laut Lehrerin doch als sehr musikalisch. In einem ersten Anlauf wollte ich mit den Kindern Herbstlieder mit Gitarrenbegleitung singen und lernen. Die Resonanz war bei den Kindern vorwiegend positiv. Was mich verwirrte war die Einstellung der Erzieherin, die mir das Musizieren im Freizeitbereich als Belastung für die Kinder vermittelt hat. Diese Einstellung beruht auf der von mir bereits angesprochenen Annahme, Kinder müssten sich besonders Konzentrieren und würden künstlich ruhig gestellt. Dieser Ansatz widerspräche aber dem Konzept des rhythmisierten Tagesablaufs an der Ganztagsgrundschule. Mein erster Versuch war damit gescheitert. Für mich war diese Annahme nur sehr schwer nachvollziehbar, denn meine Beobachtungen waren durchweg positiver Natur. Die Kinder haben ohne sichtbare Mühe auf das Angebot angesprochen und das gemeinsame Singen angenommen. Ich konnte weder eine innere Unruhe im Verhalten der Kinder beobachten noch einen negativen Einfluss auf den Gemütszustand im weiteren Tagesverlauf. Nach außen hin machten sie auf mich sogar einen ausgeglichenen und ruhigen Eindruck. In der darauf folgenden Zeit kamen die Kinder wiederholt auf mich zu und wollten wieder gemeinsam singen. Diese Motivation war in keiner Weise von außen beeinflusst, sondern kam vollständig durch das Interesse der Kinder. In einem zweiten Anlauf habe ich aus dem einfach Gesang Rhythmusspiele gemacht. Durch feste Klatschmuster mit gekreuzter Koordination und parallelen Sprechelementen wollte ich die Kinder spielerisch in der Motorik fördern. Auch diese Spiele stießen auf das Interesse der Kinder, was sich durch spontane Wiederholungen im Alltag bewies. Jedwede Form des gemeinsamen Musizierens wurde von den Kindern aufgenommen und von ihnen in ihren Alltag integriert. Sowohl Sprachspiele, Rhythmikübungen und Lieder wurden in verschiedenen Situationen genutzt und die Gruppe stieg schnell darauf ein. In diesem Verhalten sehe ich weder eine Anstrengung noch Hemmungen, sondern Spaß und Lust. Keine Motivation war von meiner Seite nötig, lediglich kreative Impulse habe ich geben. Aus diesen Impulsen hat sich ein großer Teil der Kinder eigeninitiativ Anwendungsmöglichkeiten entwickelt.

Aus diesen drei grundverschiedenen Situationen heraus kann ich meine These nur bestätigen. Musik wirkt motivierend und fördernd auf das Verhalten und die Stimmung von Kindern. Ein weitaus wichtigerer Aspekt ist der Einfluss auf die kognitive Entwicklung von Kindern. Was bewirkt Musik im Gehirn, welche Bereiche lassen sich positiv beeinflussen und gibt es auch negative Auswirkungen?

3.2. Der Einfluss auf die kognitive Entwicklung

An dieser Stelle sei kurz noch einmal erwähnt, was wissenschaftlich unter kognitiven Fähigkeiten verstanden wird. Kognitive Prozesse sind jene, die mit der Erinnerung, der Kreativität, der Fähigkeit zu planen und zu verarbeiten zu tun haben und für unsere Aufmerksamkeit und vor allem für das Lernen zuständig sind. Inwiefern wirkt Musik positiv auf diese Prozesse?

Diese Frage möchte ich in einzelnen Schritten beantworten und einige kognitive Prozesse genauer betrachten. Um zu verstehen wie der Mensch lernt, muss man sich Erkenntnisse aus der modernen Hirnforschung betrachten. Externe Informationen werden in den Sinnesorganen in Impulse umgewandelt und an das Gehirn geschickt. Im Gehirn werden diese Impulse von Synapsen an Nervenzellen übertragen. Jede Nervenzelle in unserem Gehirn steht stellvertretend für eine Information. Bis zu 10.000 Verbindungen geht jede Nervenzelle mit ihrer Umgebung ein. Für den Lernprozess bedeutet dies, dass Nervenzellen, die häufig in Gebrauch sind, stärker angesprochen werden, die Impulse also intensiver sind. Kurz gesagt, je mehr Wiederholung / Erfahrung man zu einem bestimmten Eindruck / Thema macht, desto leichter ist diese abrufbar. [12]

Was sind also Erinnerungen? Eine Erinnerung ist eine gespeicherte Information die durch intensive Eindrücke oder häufige Wiederholung im Gehirn verknüpft wird. Schon mit diesem Wissen lässt sich der Einfluss von Musik nachvollziehen. Im optimalen Fall wird Musik mit vielen Sinnen wahrgenommen. Wir singen Melodien und Texte, bewegen Hände und Füße im Takt und agieren in einer Gruppe. Das Gehirn wird geradezu mit Impulsen überflutet. Das Angstzentrum wird blockiert, das Lernzentrum stimuliert. Arme, Beine, Gehör, Augen, der ganze Körper senden Impulse. In der Praxis konnte ich sehr gut beobachten wann sich Kinder leicht an Lieder erinnern und wann nicht. Sitzen sie brav an ihren Tischen, braucht es sehr viele Wiederholungen bis das Lied auch nur annähernd verankert ist. Macht man hingegen ein gemeinsames Spiel daraus, baut Bewegungselemente ein, singt gemeinsam und begleitet das Ganze zusätzlich mit Instrumenten, beherrschen die Kinder schon nach kurzer Zeit die Texte. Es gibt zahlreiche Beispiele, die sich zu einem Standard entwickelt haben, ohne dass der Sinn hinterfragt wird. Kinder lernen die Jahreszeiten nicht durch bloßes aufzählen der Monate, sondern in Verbindung mit Musik (Bsp.: Die Jahresuhr, Das ABC, u.a.). Selbst Regeln und allgemeines Wissen lässt sich durch Musik leichter transportieren, einfach weil es den Kindern Spaß macht.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Kreativität, also die Fähigkeit sich schöpferisch zu entfalten.

Improvisation und Assoziation spielen hier einen wichtigen Aspekt. Gelerntes anwenden, verändern, kombinieren und somit Neues schaffen. Leider spricht der klassische Musikunterricht diesen Aspekt nur wenig an, folgt er doch strikten Regeln, vorgegebenen Melodien und Rhythmen, die von den Kindern reproduziert, nicht aber durch Improvisation angereichert werden können. Improvisation ist hierbei der Schlüsselbegriff. Die Kinder können sich frei entscheiden und ausprobieren, welche Rhythmen sie zur Begleitung von Liedern wählen, welcher Tanz passt und auch, ob nicht eine andere Melodie schöner wäre. Wenn Kinder improvisieren, sei es bei eigenen Texten, Melodien und Rhythmen, bedienen sie sich unbewusst mehrerer Prozesse. Erinnerungen an bekannte Vorlagen werden abgerufen und mit Ideen für eigene Umsetzungsmöglichkeiten verglichen. Dieser Prozess der Assoziation verstärkt bereits Gelerntes und baut neues Wissen auf. Nur durch solche Vorgänge vergrößert sich unser Repertoire an Möglichkeiten.

Planung und Verarbeitung sind ein weiterer wesentlicher Prozess unseres Handelns. Unser ganzes Leben besteht aus der Verarbeitung von Informationen, der Analyse und der Planung kommender Schritte. Musik und Planung scheinen im ersten Moment nur wenig Gemeinsamkeiten zu haben. Aus diesem Grund erläutere ich kurz die Anforderungen die ein Kind beim Musizieren hat. Zur Verdeutlichung des Lernprozesses führe ich zwei Beispiele an, die sich in unterschiedlichen Entwicklungsphasen abspielen. Nehmen wir ein Kind in der Kita das zusammen mit der Gruppe zwei- bis dreimal die Woche musiziert. Der Pädagoge stimmt ein neues Lied an indem er es den Kindern vorsingt und dann Schritt für Schritt erst den Takt, dann den Text und zuletzt die Melodie erarbeitet. Für das Kind kommen völlig neue Muster vor. Es hört einen Takt, der regelmäßig zu sein scheint und versucht, diesen durch stete Wiederholung zu adaptieren. Ist dieser einigermaßen automatisiert, muss es Textpassagen und später den kompletten Text lernen, d.h. abspeichern. Ist auch diese Hürde genommen, kommt plötzlich eine Melodie dazu, die mal hoch, mal runter geht und offensichtlich einen direkten Bezug zu dem vorher Gelernten aufweist. Diese Assoziationen laufen unbewusst im kindlichen Gehirn ab, sprechen aber gleichzeitig verschiedene kognitive Prozesse an. Ein wesentlich deutlicheres Beispiel ist ein Kind, das bereits größere Erfahrung im musikalischen Bereich hat, bedingt Noten lesen kann und gerade das Klavierspiel erlernt. Der erste Blick des Kindes deutet auf das Notenblatt vor ihm. Das Gehirn versucht einen Überblick zu bekommen und gleicht die Vorerfahrung mit der Wahrnehmung ab. Das Kind sieht Noten, assoziiert den Notenwert, den Takt, das Tempo und womöglich sogar einen Text. Für einen Anfänger kann dieser Prozess mehrere Sekunden in Anspruch nehmen, ein erfahrener Musiker erfasst die Informationen deutlich schneller, da sein erlerntes Wissen umfangreicher ist und somit mehr Vergleichsmöglichkeiten bietet. Nun schaut das Kind auf das Klavier und seine Hände. Wieder werden Informationen abgerufen und mit dem gerade analysierten Wissen verglichen. Erst wenn das Gehirn diese Impulse verarbeitet hat, wird die Muskulatur in Gang gesetzt und die Finger beginnen das Spiel. Auch in dieser Phase laufen ständig Impulse in das Gehirn, werden auf Richtigkeit kontrolliert und verarbeitet. Vorhandenes Wissen wird gefestigt, gegebenenfalls neues angelegt. Die schwierigste Aufgabe in diesem Spielprozess ist der ununterbrochene Abgleich der Noten auf dem Blatt mit den Händen und Tasten des Klaviers. Das Gehirn verarbeitet bereits Gespieltes mit gerade Gespieltem und den künftig zu spielenden Informationen.

Aus diesen Beispielen ergibt sich gleich der nächste Punkt der kognitiven Prozesse. Was ist Aufmerksamkeit und wie schult man diese? Aufmerksamkeit ist einfach ausgedrückt die Zuordnung freier Kapazitäten des Gehirns auf eine bestimmte Tätigkeit. Das Gehirn kann nur eine eingeschränkte Zahl an Reizen verarbeiten. Je konzentrierter / intensiver ein Reiz verarbeitet wird (Konzentration), desto stärker ist die Aufmerksamkeit. Verschiedene Theorien beschreiben den Umfang der Aufmerksamkeit als mehr oder minder groß. Was sie jedoch gemeinsam haben ist die Annahme, dass die Wahrnehmung mehrerer unterschiedlicher Reize nur durch sprunghaftes Umschalten innerhalb der Bewusstseinsebene des Gehirns möglich ist. Je mehr bewusste und neue Reize das Gehirn also verarbeiten muss, desto größer ist die Anstrengung und letztlich die Ermüdung. [13]

Was an dieser Stelle wie ein Widerspruch zu der Annahme verschiedene Reize begünstigen den Lernprozess scheint, eröffnet in Wahrheit Möglichkeiten der gezielten Schulung unseres Konzentrationsvermögens. Neben Konzentrations- und Gedächtnisspielen (z.B. Alle Vögel fliegen hoch, Verflixte 7, Ich packe meinen Koffer, u.v.m.) kann auch die Musik zu einem Ausbau des Leistungsvermögens führen. Bewusst werden hierbei verschiedene Sinneseindrücke miteinander kombiniert. In der Praxis lässt sich gut beobachten, dass häufiges Üben von komplizierten Klatsch- und Singspielen, die parallele rhythmische, sprachliche und melodische Verarbeitung brauchen, zu einer gesteigerten Kompetenz in verwandten Anwendungsarten führt. Wie groß ist also der Einfluss von Musik auf den Lernprozess? Mathematische Zusammenhänge, chemische Formeln und Vokabeln kann Musik kaum vermitteln. Was Musik bei regelmäßiger Förderung nachhaltig bewirken kann ist die Unterstützung unzähliger kognitiver Prozesse. Musikalische Prozesse wirken nicht nur stimulierend auf die Lernzentren, sondern fördern im Einzelnen Regionen wie das Gedächtnis, die Wahrnehmung von Reizen, die Kreativität und das Planungsvermögen. Musik wirkt positiv auf die Koordination beider Hirnhälften und damit maßgeblich auf das vernetzte, bzw. sinnliche Lernen.

Wie kann ich mir diesen Umstand in der Arbeit zu Nutze machen? Wie muss die Musikalische Früherziehung praktisch aussehen, um den Kindern zu helfen? Diese und weitere Fragen versuche ich in den nächsten Kapiteln zu beantworten.

4. Die Anwendung Musikalischer Früherziehung in der Praxis

4.1. Grundlagen für die musikalische Praxis

Aus dem erworbenen Wissen um die Wirkung und den Einfluss von Musik auf die kindliche Entwicklung ergeben sich fünf Aspekte, welche in der Umsetzung bedacht werden müssen. Ganzheitlichkeit, Anschaulichkeit, Raum für Emotionen, Ideen und Kreativität, Soziales Gefüge und Flexibilität. Flexibilität bedeutet für mich als Pädagogen auf die Interessen der Kinder einzugehen, auf gruppendynamische Prozesse zu reagieren, das Kind als Individuum anzuerkennen und auf die unterschiedlichen Stärken eingehen zu können. Pläne auf Kosten des Interesses und der Lernerfahrung der Kinder durchzuführen steht im Widerspruch zu den behandelten Themen dieser Arbeit. Spaß und Ganzheitlichkeit müssen im Vordergrund stehen, d.h. die Anregung verschiedener Sinne auf einem Niveau welches die Kinder fordert, aber nicht überfordert. Erst durch diese Umsetzung baut sich ein positiver Einfluss auf die kognitive Entwicklung und das Verhalten des Kindes auf. Vielfalt statt Spezialisierung, Kreativität statt Vorgabe. Das Kind braucht Raum, um sich auszuprobieren, Instrumente zu testen, Klänge aufzunehmen und die Möglichkeit, sich ganz auf die Musik einzulassen. Wichtig ist die bereits angesprochene Möglichkeit, die Kinder improvisieren zu lassen. Improvisation im Rahmen von Bewegung, Rhythmus und Gesang. Ein wichtiges Kriterium für eine erfolgversprechende Arbeitsgrundlage ist die Auswahl der Gruppe. Fühlt sich ein Kind unwohl und vielleicht sogar gehemmt, wird der Lernprozess im Gehirn eingeschränkt. Spaß und Freude kann sich nur dann in einer Gruppe aufbauen, wenn ein Kind den anderen vertrauen kann, keine Angst vor Spott haben muss und Anerkennung findet. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein instabiles Gruppengefüge die Arbeit unmöglich macht, sondern lediglich mehr Aufmerksamkeit seitens der pädagogischen Kraft bedeutet. Herrscht ein gutes Klima im Raum, kann sich das Kind frei entfalten. Es bekommt die Möglichkeit seine Emotionen zu zeigen, eigene Ideen einzubringen und den schöpferischen Prozess der Gruppe durch seine Kreativität und Initiative anzureichern.

Ich als Pädagoge kann diesen kreativen Prozess positiv beeinflussen. Meine Aufgabe ist es nicht nur neue Impulse und Anregungen zu geben, sondern auch Material zur musikalischen Gestaltung bereitzustellen und eine angenehme Umgebung zu schaffen. Auch wenn es sicherlich Gegenstimmen gibt, aber in meinen Augen stört nichts einen kreativen Prozess mehr als eine leere Umgebung und fehlendes Material. [14]

4.2. Raumgestaltung und Materialien

Gerade für Kindertageseinrichtungen ist die Raumgestaltung und Materialbeschaffung für ein musikalisch anregendes Umfeld nicht einfach. Schlichter Platzmangel und finanzielle Einschränkung ermöglichen es den meisten Einrichtungen nicht, einen besonderen Wert auf Musikräume oder Musikecken bereitzustellen. Der vorhandene Platz ist knapp und muss für viele Aspekte der täglichen Arbeit zur Verfügung stehen. Für Instrumente, sofern überhaupt vorhanden, dienen meist unzugängliche Stellen auf Schränken oder Regalen. Diese traurige Situation ist leider in vielen mir bekannt gewordenen Einrichtungen traurige Tatsache. Ein wenig hervorzuheben sind in dieser Hinsicht die Horte, welche in den meisten Fällen in den Schulgebäuden untergebracht sind. Im Schulbetrieb spielt der Musikunterricht noch eine Rolle, auch wenn der Trend gegenläufig ist. Dementsprechend ist die Ausstattung an vielen Einrichtungen auch mehr oder weniger gut. Es ist eine Grundausstattung mit Rhythmusinstrumenten vorhanden, Klangstäbe, Xylophonen, Keyboards und Gitarren. Als Arbeitsraum für Unterricht und AGs dient meist ein eigenes Musikzimmer. Unterrichtsräume sind gar nicht für den Musikunterricht konzipiert und falls doch, nur für die unteren Klassenstufen (1-3). Für die Arbeit im Bereich der Musikalischen Früherziehung sind diese Voraussetzungen schlecht. Für mich als Pädagogen bieten sie nur wenige Möglichkeiten zur Umsetzung meiner Ideen und für die Kinder gibt es nur sehr wenige Ansatzpunkt, um sich eigeninitiativ mit Musik zu beschäftigen. Was man versuchen sollte, ist ein Teil des Gruppenbudgets statt nur für Spiele auch für die Musik auszugeben. Einfache Trommeln oder Holzxylophone bieten schon genug Möglichkeiten für die Kinder und die pädagogische Arbeit. Leicht lassen sich eine Vielzahl von Instrumenten mit den Kindern zusammen anfertigen und dienen nicht nur als tolles Anschauungsobjekt für Eltern und Kinder, sondern können gleich genutzt werden. Nicht nur bei der Bereitstellung von Klangmaterial kann in der Praxis viel getan werden, sondern auch bei der Raumgestaltung. Beliebte Poster- bzw. Bilddarstellungen an den Wänden sind Tiere oder Jahreszeiten. Warum nicht einfach ein hübsches, kindgerechtes Poster mit Instrumenten? So wie sich Kinder für abgebildete Tiere interessieren, wäre sicherlich auch ihr Interesse an Instrumenten. Kinder sind neugierig und wissbegierig und einen besseren Aufhänger als die kindliche Initiative kann man für Aktivitäten nicht nutzen (Situationsansatz). Musikalische Früherziehung kann mit vielen Kleinigkeiten in die Praxis eingeführt werden, ohne gleich den ganzen Raum umgestalten zu müssen oder Fachbereiche einzuführen. Statt im Morgenkreis nur zu singen kann man auch genauso leicht Instrumente einbauen, die Kinder werden es danken.

4.3. Gemeinsame Umsetzung

Nichts in der täglichen Arbeit geht effektiv ohne die Mithilfe der Kinder. Eigenantrieb und Motivation sind bei Kindern sehr groß. Erst im fortlaufenden Alter verlischt die Flamme und der Motor unserer Wissbegierde wird langsamer. Es sind die vielen kleinen Äußerungen von uns Erwachsenen, die ähnlich einem kleinen Stein eine Lawine auslösen können. Ob das Ergebnis positiv oder negativ ist, hängt ganz und gar von der Art der Äußerungen ab. Habe ich kein Interesse an der Entwicklung des Kindes, seinen Entdeckungen und Interessen, merkt dies das Kind. Es wird seine Aktivitäten reduzieren weil es gelernt hat, dass sein Bemühen nicht wichtig ist. Bestärke ich hingegen das Kind, lobe es für Fortschritte und freue mich an seiner Entwicklung teilhaben zu können, bekommt es ein positives Feedback und wird sich auch künftig Mühe geben.

Meine Aufgabe ist es, den Entdeckerdrang der Kinder aufzugreifen und in gezielten Aktivitäten zu fördern. Dabei muss auf die Gruppengröße geachtet werden, die nicht selten im Bereich von 15 Kindern liegt. Für ein angenehmes Arbeiten empfiehlt sich eine kleine Gruppengröße die es ermöglicht auf jedes Kind einzugehen, gleichzeitig aber eine Gruppendynamik ermöglicht. Vier bis sechs Kinder wäre eine gute Gruppenstärke, ist aber im Alltag unrealistisch. Im Tagesgeschehen ist es somit schwer komplexere Themen zu vermitteln. Vielmehr muss nach Alternativen gesucht werden, die es den Kindern ermöglichen, sich selbständig mit Musik zu beschäftigen oder aber so aufgebaut sind, dass die Arbeit mit einer großen Gruppe sinnvoll ist. In meinem ersten Ausbildungsjahr habe ich im Rahmen einer Aktivitätsplanung ein bekanntes Modell der Musikalischen Früherziehung aufgegriffen. In den neuen Bundesländern war die Triola in Kindergärten weit verbreitet. Das System beruhte auf farbigen Tasten, wobei jede Farbe für eine eigene Note stand. Auf dem Papier waren statt der herkömmlichen Noten nun die farbigen Punkte zu sehen und jedes Kind konnte ohne Notenkenntnis Lieder nachspielen. Warum also nicht ein altbewährtes System aufgreifen und in abgewandelter Form nutzen. Statt der Triola, einem Blasinstrument mit Tasten statt Löchern, nimmt man ein Xylophon und klebt farbige Punkte auf die Klangelemente. Jetzt sucht man sich altersgerechte Musikstücke heraus und wandelt sie in die Farbnotenform um. Dieser Schritt setzt keine großartigen Notenkenntnisse voraus, weder bei dem Erwachsenen noch bei dem Kind. Mit steigendem Alter können die Farbpunkte in ein herkömmliches Notenraster eingefügt werde. Die Kinder nehmen nicht mehr nur die Farbe wahr, sondern lernen unterbewusst die Zuordnung der Noten in die richtige Notenzeile. Dies lässt sich soweit steigern, dass letztlich die Farben entfernt, bzw. durch eine schrittweise Noteneinführung ersetzt werden. Sofern ausreichend Instrumente vorhanden sind, lässt sich diese Form des Musizierens wunderbar als Gruppenaktivität durchführen. Der Erzieher zeigt die Farbe hoch und die Kinder spielen sie nach. Bei kleinen Gruppen kann man in fortgeschrittenem Stadium ein synchrones Spiel anstreben, in großen Gruppen bekommen jeweils ein oder zwei Kinder eine Note zugewiesen. Das vorteilhafte an dieser Konzeption ist die Experimentiermöglichkeit für Kinder. Durch das einfache Farbschema können die Lieder selbständig nachgespielt werden.

Mit vorhandenen oder selbst gebauten Trommeln lassen sich im Kreis Gruppenaktivitäten durchführen. Die Kinder suchen sich ihre Lieblingslieder heraus und der Erzieher gibt den Takt durch Klatschen oder das Schlagen einer dezenten Trommel vor. Gemeinsam wird nun das Lied gesungen und die Kinder können frei zum Lied improvisieren. Klatschen und Trommeln im vorgegebenen oder selbst erdachten Takt. Mit fortschreitenden Fertigkeiten der Kinder können feste Takte eingeübt und zusammen vorgeführt werden.

Welche Aktivität auch immer umgesetzt werden soll, einige Punkte sollten stets in die Planung mit einfließen. Ein Anfang mit einem festen Ritual hilft den Kindern, sich an ein bekanntes Umfeld zu erinnern und schafft eine positive Gruppensituation. Kleine Spiele lockern psychische und physische Anspannungen die vorhanden sein können und vermittelt den Kindern erneut bekannte Regeln. Es sollten auch unbedingt Wiederholen eingebaut werden, damit sich die erlernten Lieder, Rhythmen und Melodien fest in das Repertoire des Kindes einprägen. Die Einleitung in das neue Thema ist spannend zu gestalten und hat die Kinder und deren Erfahrungen einzubeziehen. Gerade in der Arbeit mit kleineren Kindern müssen komplexe Themen behutsam und mit kleinen Schritten erarbeitet werden. Es können keine Wunder in wenigen Übungen erwartet werden, sondern sollte vielmehr auf ein Ziel hingearbeitet werden. Ein Lied mit rhythmischer Begleitung sollte in wenigstens drei Phasen gegliedert werden: Rhythmus, Text und Melodie. Schritt für Schritt können diese drei Phasen zusammen geübt und letztlich zu einem Ganzen verbunden werden. Ein wesentlicher Aspekt, der mich zu Beginn dieses Kapitels zu der Frage gedrängt hat, warum das Interesse am Musizieren in unserer Gesellschaft einen so geringen Stellenwert hat, ist der in jedem Menschen vorhandene Eigenantrieb mit dem Namen Motivation.

Motivation kann ich keinem Kind aufdrücken, ebenso wenig wie ich Spaß erzwingen kann.

In meinen Planungen muss ich stets die Interessen der Kinder berücksichtigen und als Grundlage meiner Arbeit nehmen. Wenn ich sehe, dass sich die Kinder auf den Herbst freuen und endlich in Pfützen springen und Blätter umherwerfen können, ist das ein Einstieg den ich mir nicht besser wünschen kann. Die Thematik ermöglicht es, Instrumente zu basteln und Geräusche nachzuahmen (Regenmacher). Das Herumspringen in Pfützen als Bewegungselement in Lieder einzubeziehen. Die Farbenpracht der Bäume zu gestalterischen und Fantasie anregenden Malaktionen oder Geräuschspielen zu nutzen. Für den letzten Punkt eignen sich hervorragend pentatonische Instrumente (z.B. schwarze Tasten auf dem Klavier, Marimba), deren Töne in allen Kombinationen sehr gut zueinander passen und durch Farben den Herbst repräsentieren können. Die Natur und der Alltag des Kindes bieten ausreichend Ansatzpunkte für eine kreative Umsetzung der Musikalischen Früherziehung, wir müssen nur lernen, auf unsere Gefühle und Sinne zu vertrauen und offen gegenüber neuen Erfahrungen zu sein.

5. Zusammenfassung

Lernen ist ein aktiver Prozess, der zu keinem Zeitpunkt unseres Lebens aussetzt. Wir nehmen Informationen bewusst und unbewusst wahr und verarbeiten sie. Die Vernetzung unseres Wissen und unserer Fähigkeiten ist ein Gefüge, das stets im Wandel ist. Einiges wird gefestigt, anderes wiederum geht scheinbar verloren. Durch eine vielseitige und sinnliche Förderung ermöglichen wir es den Kindern und auch uns selber,das Wissen zu vertiefen und fest zu verankern. Gefühle und Emotionen spielen eine ebenso wichtige Rolle wie die Methode der Wissensvermittlung. Ein Kind, das mit Angst lernen muss, blockiert und wird es weitaus schwieriger haben als ein Kind, das Spaß am Lernen hat. Nicht die bloße Wissensvermittlung sollte das Anliegen eines Pädagogen sein, sondern die Schaffung einen lern- und entwicklungsfördernen Umgebung, die es den Kindern ermöglicht, nach ihrem eigenen Tempo und Interesse zu lernen. Die Beschäftigung mit der Theorie der psychosozialen Entwicklung nach Erikson war dahingehen wichtig, dass sie bei jeder Planung einer pädagogischen Aktivität bedacht werden sollte. Unsere Aufgabe als Erzieher richtet sich nicht nur nach Lehrplänen, sondern nach Entwicklungsphasen. Wir fördern die soziale und kognitive Entwicklung der Kinder. Wir helfen ihnen bei der Bewältigung ihrer Probleme, fördern ihre Stärken, arbeiten gemeinsam an ihren Defiziten, sind Ansprechpartner und Vertrauensperson. Diese Tatsache gilt für den normalen Alltag ebenso wie für die Musikalische Früherziehung. Kinder von drei bis fünf Jahren müssen keine Noten lesen können und keine Gesangswunder sein. Für die Theorie haben sie auch später noch genug Zeit. Musik soll ihnen helfen ein positives Selbstbild aufzubauen, Anerkennung zu erfahren, ihren Platz in der Gruppe zu finden und ihre Entwicklung unterstützen. Ich habe Eingangs die Frage nach der Wirkung von Musik auf die kognitive Entwicklung gestellt. Während der Ausarbeitung habe ich viele interessante Texte gelesen, Theorien bearbeitet und Forschungsergebnisse berücksichtigt. Das Ergebnis hat mich erfreut, bestärkt es doch meine Annahme der Bedeutung frühmusikalischer Erfahrungen. Vielleicht macht Musik intelligenter (in Bezug auf den IQ), vielleicht ist sie der Schlüssel aller Genies, vielleicht hat sie auch gar keinen direkten Einfluss auf die Intelligenz. Was Musik jedoch bewirken kann, und da sind sich Experten einig, ist der positive Einfluss auf soziale und kognitive Prozesse. Musik ist ein universelles Sprachrohr, das Kulturen und Generationen verbindet. Sie trägt Gefühle und Emotionen, aber auch nonverbale Botschaften.

Der musikalische Werdegang eines Menschen ist eng verknüpft mit dessen psychosozialer Entwicklung. Zu Beginn zählen Gefühle und Bindungen, gefolgt von der Ausbildung des Selbstwertgefühls. Autonomie und Initiative folgen im Alter ab drei Jahren. Dieser Bezug zwischen den Entwicklungsschritten eines Kindes und der Musikalischen Früherziehung war mir zu Beginn der Arbeit nicht bewusst. Umso mehr war ich erstaunt, welches Potential bei einseitiger musikalischer Beschäftigung verschenkt werden kann.

Bei der Recherche habe ich, ausgehend von mir bekanntem Material, Quellenangaben für die Materialsuche genutzt. Über ein Fachgeschäft bin ich auf zwei interessante Bücher zum Thema Musikalische Früherziehung gestoßen und habe mir gezielt weiteres Material zu thematischen und theoretischen Schwerpunkten gesucht. Die Basis meiner Arbeit bilden die Bücher von H. Hammershoj, Hans Günther Bastian, die DVD von Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer und das Band „Musik und Tanz für Kinder“ des Schott Verlags. Für Begriffserklärungen und weiterführende Artikel zu Musik, Rhythmus und Spiel habe ich spezialisierte Fachseiten im Internet genutzt, wie die Wissensdatenbank „Wikipedia“ und Familienhandbuch.de. Auf der letzten Seite finden sich viele interessante Artikel bekannter Autoren, Doktoren und Professoren aus den Gebieten Erziehung und Wissenschaft.

Zusammenfassend möchte ich ein kurzes Resümee der verfassten Kapitel ziehen und eine letzte kritische Betrachtung vornehmen. Gleichzeitig werde ich das Wissen auf die Bedeutung für meine künftige Arbeit einschätzen. Zu (2) lässt sich nicht viel mehr in kurze Worte fassen. Sowohl Eriksons epigenetisches Diagramm, als auch Hammershojs Ansatz zur Musikalischen Früherziehung sind wichtige Bestandteile meiner Arbeit. Beide Ansätze befassen sich sehr detailliert mit Entwicklungsphasen und -aufgaben, deren Bewältigung und Konsequenzen auf die kindliche Prägung und den künftigen Werdegang. Die Theorie Eriksons war in der fachpraktischen Ausbildung ein fester Bestandteil und war für mich lediglich in der Weise neu, dass ich sie bisher nicht in Bezug zur Musik gesetzt habe. Erst mit dem pädagogischen Konzept von Frau Hammershoj wurde mir die Bedeutung dieser Theorie klar, und sie fand einen festen Punkt in meiner Arbeit. Es lässt sich kaum bestreiten, wie wichtig das Wissen um die kindlichen Entwicklungsschritte für die tägliche Arbeit ist, unabhängig ob es sich um Musikpädagogik oder andere Gebiete handelt.


[1]    Vgl. Hans Günther Bastian, 2007, Seite 9

[2]    Vgl. de.Wikipedia.org, 2009, „Kognition“

[3]    H.G. Bastian, 2007, Seite 7

[4]    Vgl. de.Wikipedia.org, 2009, „Stufenmodell der psychosoz. Entwicklung“

[5]    Vgl. H. Hammershoj, 1995, Seite 17 ff.

[6]    Vgl. K. Kramer für GEO Kompakt, 2008, Seite 31

[7]    Vgl. H. Hammershoj, 1995, Seite 44 ff.

[8]    D. Spanhel, 2006, Seite 1

[9]    Vgl. H. Hammershoj, 1995, Seite 112 ff.

[10]  Vgl. H. Hammershoj, 1995, Seite 61 ff.

[11]  Vgl. Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, 2007, „Erfolgreich lernen in Kindergarten und Schule

[12]  Vgl. Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, 2007, „Erfolgreich lernen in Kindergarten und Schule

[13]  Vgl. Wikipedia, 2009, „Aufmerksamkeit

[14]  Vgl. Musik und Tanz für Kinder I, 1985, S. 77 f.

6. Quellen

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